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Experten-Kolumne 15.09.2017 09:19:37

Rückzug im Schneckentempo

Kolumne

Bei der zurückliegenden EZB-Sitzung hoben die Notenbanker ihre Wachstumsprognosen an und senkten die Inflationsprognosen.

Demnach sollte die Inflation von 1,5% in diesem Jahr auf 1,2% im kommenden Jahr sinken, bevor sie bis 2019 wieder auf 1,5% klettert. Wir glauben sogar, dass die Inflation noch darunter liegen könnte.

Die niedrigen Inflationsaussichten bringen die EZB in ein Dilemma: Sie müsste eigentlich ihr Anleihenkaufprogramm im kommenden Jahr fortführen, würde damit aber die Gefahr einer Immobilienblase schaffen und bei Beibehalten des aktuellen Volumens von 60 Mrd. Euro pro Monat in Kürze ein Drittel der ausstehenden Anleihen der wichtigsten Eurostaaten besitzen. Wir erwarten, dass die EZB ihre monatlichen Nettokäufe ab Anfang 2018 auf 40 Mrd. Euro pro Monat reduziert, und im Frühjahr eine Fortführung oder Rückführung auf null bis Ende 2018 prüft.

Die EZB dürfte ihren Kapitalschlüssel auf Nettokäufe sowie Reinvestitionen anwenden, was im Laufe des Jahres 2018 eine Umverteilung von tendenziell kürzerlaufenden Bundesanleihen auf französische und italienische Staatsanleihen bedeutet. Wir denken zudem, dass die EZB andeuten wird, die Leitzinsen weit über das Ende der Anleihenkäufe hinaus unverändert zu belassen. Konkret erwarten wir den ersten Zinsschritt von nur 15 Basispunkten bei der Einlagefazilität auf -0,25% erst Mitte 2019 und die Rückführung der EZB-Bilanz erst ab 2020, was bis dahin einen Liquiditätsüberschuss von etwa 2 Billionen Euro bei negativen Zinsen bedeutet.

Bei einem solch zaghaften Ausstieg dürften die kurzfristigen Zinsen fest verankert bleiben und die Geldpolitik dürfte keinen großen Gegenwind für Euro-Unternehmens- und Peripherieanleihen darstellen. Peripherieanleihen könnten bei stabiler Konjunktur sogar relativ zu Bundesanleihen profitieren. Was bedeutet das für Anleger in Euro-Anleihen? Sie sollten sich insbesondere auf mittlere Laufzeiten bis fünf Jahren konzentrieren und langlaufende Anleihen meiden. Zwei Prozent Rendite auf 10-jährige italienischen Staatsanleihen sind attraktiv im Verhältnis zu anderen Anleihen aus dem Euroraum. Auch ein Blick über die Eurozone hinaus lohnt sich.

Andrew Bosomworth: Managing Director, Leiter des deutschen Portfoliomanagements bei PIMCO in München

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schliesst jegliche Regressansprüche aus.

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